Charmante Bremensie
Als 1764 ein Bauernsohn aus Rockwinkel begann, psychisch kranke Menschen bei sich aufzunehmen, ahnte niemand, dass daraus Deutschlands älteste private Psychiatrie werden würde. Rund 200 Jahre später wächst in genau diesem »Haus in Rosa« ein Junge auf – als Sohn des Direktors, zwischen Familienküche und Klinikalltag, Tür an Tür mit den Patientinnen und Patienten der Psychiatrie. Auf dem Gelände der Klinik Dr. Heines (heute Ameos Klinikum).
Davon erzählt Dr. Wolfgang Heines in seinem Erinnerungsband. Thematisch teilt er so die Kindheit und Jugend des Bestseller-Autors Joachim Meyerhoff. Die Familie Heines war vermutlich die letzte Arztfamilie, die noch direkt auf dem Klinikgelände in Oberneuland wohnte. Der Sohn blickt zurück auf eine Kindheit, die von einem außergewöhnlich humanen und sanften Umgang mit psychisch Kranken geprägt war. Er spannt den Bogen weiter bis zu seinem eigenen Weg als Arzt in Bremen und als Vorstand der Stiftung Dr. Heines.
Das Buch ist eine charmante Bremensie, eine Mischung aus persönlicher Erinnerung, Lokalgeschichte und einem Kapitel Bremer Psychiatriegeschichte. Erschienen ist es im Kellner Verlag (160 Seiten mit historischen Schwarz-Weiß-Bildern, 18 €).
5 Fragen an Dr. Wolfgang Heines
Zu Anfang Ihres Buches erinnern Sie sich an Ihre Kindheit in Bremen-Oberneuland. Welcher Moment oder welches Bild aus jener Zeit hat Sie beim Schreiben am stärksten wieder eingeholt?
Meine erste Fahrt von Köln nach Oberneuland, als wir im kleinen Lloyd-Pkw die lange Franz-Schütte-Allee in Richtung Oberneuland entlangfuhren: Durch die kleinen Seitenfenster konnte ich nur die hohen Baumkronen sehen. Aber wo es so viele Bäume gibt, muss es schön sein, dachte ich. Wir hielten vor einem großen, mit Efeu bewachsenen Haus. Meine Mutter sagte, dass dies ein Krankenhaus sei. Ich war erst 5 Jahre alt. Wir warteten in dem großen Park an einem Teich auf meinen Vater. Im Herbst 1954 zogen wir in das Haus mit dem Efeu ein, das „Doktorhaus“ der Klinik.
Das war ein Ort, an dem Krankheit, Fürsorge und menschliche Nähe sehr präsent waren. Wie hat diese ungewöhnliche Kindheit Ihren Blick auf Menschen geprägt?
Auch wenn ich als Kind nicht genau wusste, um welche psychischen Krankheiten es sich bei den Patienten handelte, sind sie mir auf dem Klinikgelände, in den Gesellschaftsräumen, bei Feiern immer wieder begegnet, und im Gespräch mit ihnen konnte ich dann erahnen, um welche psychischen Beschwerden es sich handelte. Ich erinnere mich an einen etwas traurig wirkenden Patienten, der mir das Schachspielen beibrachte, die ältere Patientin, die aus dem Garten in den Raum mit dem Klavier kam, ruhig ein Stück spielte und dann wieder ging oder an die fröhlichen gemeinsamen Karnevalsfeiern.
Ihr Weg führte Sie später nach Berlin, in eine Praxis als Internist und schließlich in das Engagement als Stifter. Gibt es eine Verbindungslinie, die sich für Sie heute durch all diese Stationen zieht?
Sicher hat mir das Aufwachsen in der Klinik in Oberneuland geholfen, später als Arzt im Krankenhaus und der Arbeit als Internist und Hausarzt in eigener Praxis, psychosomatische Zusammenhänge bei Patienten leichter zu erkennen. Aber auch bei unserer Stiftungsarbeit konnte dann leichter bei entsprechenden Anträgen entschieden werden.
Die Dr. Heines Stiftung fördert soziale, wissenschaftliche und medizinische Zwecke, zugleich erzählen Sie im Buch sehr persönlich von Herkunft, Verantwortung und Lebenserfahrung. Was möchten Sie jüngeren Menschen oder auch dem Stiftungshaus aus dieser Rückschau mitgeben?
Die Stiftungsarbeit bietet die große Möglichkeit über den Tellerrand zu sehen, Menschen in den verschiedenen sozialen Bevölkerungsschichten und Stadtteilen kennenzulernen und sinnvolle Projekte zu fördern. Ich kann nur raten, den persönlichen Kontakt zu den Antragstellern zu suchen. Die Stiftungsarbeit bietet dann oft die Möglichkeit, kurzfristig zu helfen, Projekte auch anzustoßen, die sonst nicht verwirklicht würden.
Wenn man Ihr Buch nach der Lektüre zuklappt: Welche Haltung, welche Botschaft bleibt einem?
Offen bleiben für soziale Probleme in unserer Gesellschaft. Und psychisch Kranke auch nach ihrer Entlassung aus einer Klinik bewusst wahrzunehmen, wo immer sie dann wohnen, als Nachbarn, im Beruf, in der Familie.